Mittwoch, 7. Dezember 2011

Migranten schreiben in Sprachen

"

Wladimir Kaminer , eigentlich jetzt nicht ein Vorzeigeintegrierter

"Ich bin in einem Schwimmbad auf die Welt gekommen. Meine Mutter studierte Festigkeitslehre am Moskauer Institut für Maschinenbau, in ihrer Freizeit ging sie gerne schwimmen, in die offene Schwimmanstalt „Moskau“. Plötzlich kam ich. Meine Mutter legte mich in ein Aquarium und trug nach Hause. Unterwegs schwamm ich im Aquarium hin und her.

Irgendein stark behaarter Fisch mit großem Schnurbart kam mir entgegen, ich erschrak und weinte bitter. Der Fisch weinte ebenfalls. Dann lachten wir. Unsere Tränen lösten sich im Wasser des Aquariums auf es wurde unerträglich salzig. Seitdem habe ich einen Salzzwang.

Diese Geschichte ereignete sich in vorigem Jahrtausend, die offene Schwimmanstalt „Moskau“ wurde inzwischen in die „Kirche für Jesus den Retter am Kropotkin Boulevard“ umgewandelt, stark behaarte Schnurbartfische sind aus der Sowjetunion nach Kanada ausgewandert und niemand mehr weiß, was Festigkeitslehre ist, außer meiner Mutter natürlich, doch sie will es nicht erzählen."


zitiert W. Kaminer




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Migrantenliteratur gibt es schon laenger, ob die denn jetzt unbedingt in der Sprache des Aufnahmelandes geschrieben wird, ist eigentlich nicht notwendig , auch nicht unbedingt erstrebenswert, weil in Deutschland es genuegend Uebersetzer gibt , die die Werke dann auch noch in die deutsche Sprache uebersetzen koennen.

Ein Migrationsroman sollte nicht unbedingt so sein, dass immer nur die Befindlichkeiten zwischen den Kulturen reflektiert werden.Dies ist inzwischen schon sehr oft geschehen . Das Spannungsverhaeltnis zwischen den Kulturen dargestellt ist bald ausgeschoepft , obwohl es eigentlich immer wieder interessant ist. Aber gibt nicht noch andere Themen , wenn man sich in einer neuen Gesellschaft bewegt , als das eigene Fremdsein?

Auch ist es nicht unbedingt notwendig in der deutschen Sprache schreiben zu muessen, damit man nicht zum Vorzeigeintegrierten mutiert.

Denn wenn man als Solcher Erfolg hat, verbessert sich dadurch nicht automatisch die Situation der uebrigen Landleute .
Dann ist man ein Quotenschriftsteller, der zeigt, dass er mit der Mehrheitsgesellschaft mithalten kann.
Immerhin, ein partieller Erfolg , aber im schlimmsten Falle eher ein politischer, als ein kunstlerischer, bei dem sich eine Gesellschaft selbst beweihraeuchern tut als tolerant , multikultuell etc. " Wir haben auslaendische Schriftsteller , die in unserer Sprache schreiben . Wir sind ein Land , der gelungenen Integration ."

Vielleicht sollte man doch nicht so egoistisch sein und die Schreiber weniger
unter politischen und kulturellen Verhaltensdruck setzen. Denn ein Schrifsteller
muss nur in einer Sprache gut sein und nicht ein mehrsprachiges Lexikon sein.




Ausgehend von der Qualitaet , sind dann erst einmal Werke erwaehneneswert von Autoren , die aus dem Exilsituation heraus schrieben. Thomas Mann mochte es nicht, auf Englisch zu schreiben. Auch Brecht lehnte das fuer sich ab, wie Heinrich Mann dann ubrigens auch .
Oskar Maria Graft schrieb auf Deutsch einen Roman , wo es um sein Befinden im Exil ging und auch um die deutsche Minderheit in den USA .

Wenn es jetzt darum ginge einfach die Sprache zu wechseln, einhergehend mit der Migration, waren deutschsprachige Autoren nicht federfuehrend. Ein Kundera brachte es fertig vom Tschechischen zum Franzoesisch zu wechseln, was sicherlich eher die Ausnahme als die Regel ist .
Auch von einem turkischen Autor ist bekannt , dass er vom Tuerkisch ins Englische wechselte . Bei genaueren Hinsehen, war es dann aber die britische Ehefrau , die Uebersetzungshilfe bot bzw. die Fortmulierungshilfen anbrachte.

Mit Waldimir Kaminer, gibt es dann einen juengeren, neuzeitlichen Autor , der es schaffte , obwohl er eigentlich fremdsprachlich deutsch ist und nicht ein Zweitsprachlicher, Literatur von besserem Format zu produzieren. Gleich ganz spontan erfolgreich , ein Genie mit Witz und Humor , eine Ausnahme und kein Muss fuer den Schriftstellern.
Ob er nun seine Texte zunaechst auf Russisch schrieb und dann alles spaeter auf Deutsch uebersetzte ? Heute schreibt er vielleicht alles auf Deutsch, oder er wechselt einfach die Sprachen, je nach Empfinden?

Als auslaendischer Autor sollte man auch weiterhin , den Anspruch und das Recht haben in seiner eigenen Sprache sich mitteilen zu duerfen, ohne gleich in den Verdacht zu geraten nicht genugend talentiert zu sein oder der Aufnahmegesellschaft nicht ausreichend wohlgesonnen gegenueber zu stehen.

Denn immerhin geht es bei Sprachen auch um Identitaeten und da sollte sich der Leser und die Gesellschaft nicht einmischen.
Wie einen Wortschatz finden und entwickeln , der dem Schreiben gerecht wird, ohne als Migrant der ersten Generation auch seine Grenzen zu erkennen?
Schon alleine, dass manche Menschen als Mitglieder von Minderheiten bei ihrer Sprache bleiben , wie etwa Herta Mueller oder auch Kafka sind ein Indiz dafuer , dass es nicht unbedingt notwendig ist, im Literarischen in eine andere Seinsform vorzudringen , wenn man nicht will..
Denn dies bedeutete auch im gewissen Sinne eine Distanzierung und Ablehnung der Herkunftssprache , was nun auch nicht das Ziel einer funktionstuechtigen Migrationspolitik seinen sollte, Menschen darin zu bestaerken die eigenen Wurzeln eventuell sogar zu verleugnen.

So war dann die Entscheidung Kunderas in Franzoesisch zu schreiben ,sicherlich eine politische , wobei ein einfacher Migrant und ein Nichtexilant , wahrscheinlich erst dann sprachlich ganz zu der Aufnahmegesellschaft wechselt , wenn er sich als Bestand dieser Gesellschaft fuehlt und mit seiner Ursprungsgesellschaft weniger verbunden ist.

Verrueckt wird es , wenn man als Angehoeriger einer Minderheit in ein fremdes Land zieht. Doppelt fremd oder vielleicht auch nicht, weil diese Doppelidentitaet schon laengst eingeuebt ist und so der Umgang mit einer neuen Situation , wohlmoglich schneller begriffen wird. So wurde der Roman , der in Serbin geborenen Autorin Melinda Nadj Abonji, die eignbetlich dann auch nocch ungarisch ist im deutschsprachigen Raum schnell ein Erfolg, mit welchen der vielen Sprachen geschrieben und dannn wieder abgeaendert ist da dann fast nicht mehr wichtig.



"„Tauben fliegen auf“ ist die Geschichte einer Emigration aus dem ehemaligen Jugoslawien. Die Familie Kocsis, Teil der ungarischen Minderheit, siedelt über in die Schweiz. Dort erzählt die Tochter Ildiko von der Schwierigkeit, Fuß zu fassen. „Melinda Nadj Abonji schreibt in einem schönen, bildreichen eigenwilligen Ton von einer eigenen Identität“, urteilte die Jury des Preises des deutschen Buchhandels . Das Buch sei „von tiefer und poetischer Kraft“."

Entscheidend ist die Story, das Kuenstlerisch dargestellte, egal in welcher Sprache zunaechst verfasst, gedacht, notiert , wobei sicherlich genau auch ueber dieses ein nicht einheimischer, sprachlicher Zauber vermittelt werden kann, der einem deutschen Text fremd ist.


Giuseppe Giambusso:
“In deiner Sprache“

Ich spreche
mit dir
in deiner Sprache.

Ich esse
mit dir
in deiner Sprache.

Ich singe
mit dir
in deiner Sprache.

Ich streite
mit dir
in deiner Sprache.

Warum
gelingt es mir nicht
dich in deiner Sprache
zu lieben?

Aus: Jenseits des Horizonts/
Al di là dell’orizzonte, 1985, S.75


Die Feridun Zaimoglu erstellte später unter dem Titel Kanak Attack.

" * Cem Erciyes befasst sich mit den aktuellen Trends der jungen Literaturszene und analysiert deren Motive vor dem Hintergrund der gesellschaftlich politischen Entwicklung in der Türkei.
* Karin Yesilada widmet sich der Verortung der deutsch-türkischen bzw. türkisch-deutschen Literatur und dem Selbverständnis junger migrantischer AutorInnen in Deutschland.
* Sibel Kara setzt sich mit der Frage auseinander, welche Rolle die dualistische Kulturkonzeption von Orient und Okzident in der Rezeption der Literatur Orhan Pamuks spielt. " ... sicherlich auch interessant und wichtig Literatur von tuerkischen Autoren besonders noch zu beruecksigen. Die Aufstellung wurde einer Seite des Goetheinstituts entnommen.